Mehr Weg. Weniger Abfall.
07/2025: Mehrweg gilt als wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Konsumgüterbranche. In Österreich wird das Thema von Logistikverbund- Mehrweg (L-MW) vorangetrieben – seit Februar 2025 unter der Leitung von Diplomingenieur Andreas Bayer. Im Interview erläutert der langjährige Logistikprofi, was aktuell rund um Mehrweg passiert.
Herr Bayer, was sind eigentlich die Aufgaben von Logistikverbund- Mehrweg?
Wir verstehen uns als zentrale Plattform, ein Netzwerk, für die Vereinheitlichung und Wiederverwendung verschiedener Mehrwegbehälter und -verpackungen. Das bedeutet: Wir stellen keine Produkte her noch verkaufen wir etwas. Stattdessen beobachten wir aktuelle Themen und suchen nach passenden Lösungen. Dabei ist es wichtig, Entwicklungen und neue Trends rechtzeitig zu erkennen. So haben wir die passende Lösung, wenn der Markt sie benötigt.
Und wie gross ist die Organisation?
L-MW ist sehr schlank. Als Manager bin ich gemeinsam mit den Mitgliedern verantwortlich dafür, Themen zu finden, für die wir uns in Zukunft einsetzen wollen, und Lösungen herbeizuführen. Dann bringen wir alle Stakeholder zusammen. Für bestimmte Themen holen wir uns zusätzliche Fachleute. Die wertvollste Expertise haben jedoch immer die Personen, die direkt betroffen sind. L-MW ist eine Abteilung der Standardisierungsorganisation GS1 Austria, die ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der österreichischen Wirtschaftskammer ist. L-MW finanziert sich über Mitgliedsbeiträge. Damit werden unsere Veranstaltungen und sonstige Kosten abgedeckt.
Wie identifizieren Sie die Themen, die für die Branche zukünftig wichtig werden?
Die Themen ergeben sich zunächst aus den Anregungen des Mitgliederbereiches oder neuen gesetzlichen Regelungen. Ein Beispiel dafür sind die gesetzlichen Mehrwegquoten für Getränkeverpackungen im Abfallwirtschaftsgesetz, die seit Anfang des Jahres 2024 in Österreich gelten. Sehr viel gesprochen wird aktuell über die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR). Diese Verordnung bringt viele Fragestellungen mit sich. Sie betreffen uns alle – direkt oder indirekt. Daher betrachten wir sämtliche Branchen. Was tut sich in der Bauindustrie? Was tut sich in der Holzindustrie? Wie regelt die Gastronomie es, wenn sie in wenigen Jahren einen Teil ihrer Speisen in Mehrwegverpackungen anbieten soll?
Wenn Sie potenzielle Problemstellungen erkennen, müssen Sie frühzeitig handeln.
Natürlich. Bei der PPWR könnte man ja auch einfach sagen: Bis 2027 bzw. 2029 haben wir noch viel Zeit. Doch am Ende verzögert sich womöglich alles in Produktion und Transport aufgrund von Lieferkettenproblemen und so weiter. Da muss man sich schon gut überlegen, wann man startet. Die Projektlaufzeit von der Idee bis zur Lösung und Umsetzung liegt bei mindestens anderthalb, eher zwei bis drei Jahren. Die 0,33-l-Mehrwegflasche, die letztes Jahr im Biermarkt als Standardlösung eingeführt wurde, war auch nicht nach zwei Wochen da.
Wie genau gehen Sie denn vor, wenn Sie ein neues Aufgabenfeld definiert haben?
Wir bilden entsprechende Arbeitsgruppen. Um bei der 0,33-l-Mehrweg-Bierflasche als Beispiel zu bleiben: Dafür gab es eine gesetzliche Grundlage, nämlich die gesetzliche Mehrwegquote in Österreich. Also haben wir sämtliche Stakeholder – wie Brauereien, Handel und den Hersteller des Mehrwegsystems – zusammengebracht. In der Arbeitsgruppe wurde dann eine standardisierte Lösung erarbeitet. Innerhalb der Arbeitsgruppen ist es ausserdem wichtig, dass das kartellrechtlich sicher abläuft. Wir stellen also sicher, dass beispielsweise keine unerlaubten Absprachen getroffen werden.
Worin liegt das Erfolgsgeheimnis?
Nun, das liegt eben darin, dass alle zusammenkommen und miteinander reden und dass jeder Stakeholder ganz genau angehört wird. Nur dann kommt es zu einem echten Erfahrungs- und Informationsaustausch, wo der eine sich tatsächlich in die Perspektive des anderen hineindenken kann. Da versteht zum Beispiel die Brauerei dann, wie der Handel tickt. Das ist uns schon bei vielen Themen gut gelungen. Je bunter die Arbeitsgruppe zusammengestellt ist, umso besser ist dann die gemeinsam erarbeitete Lösung, die für die gesamte Branche publiziert wird. Und ich sage noch einmal: Das funktioniert insbesondere dann, wenn der Trend früh erkannt wird. Wenn schon jeder seine eigene Flasche hat, brauchen wir nicht mehr mit einer Standardlösung zu kommen.
Welche Projekte beschäftigen Sie denn aktuell am meisten?
Da gibt es einen bunten Strauss. Derzeit beschäftigen wir uns intensiv mit der Entwicklung von 1,0 -l Mehrwegflaschen für Wasser und alkoholfreie Getränke. Auch «Mehrweg 2 go» ist für uns interessant. In Österreich werden beispielsweise mehr als 800 000 Kaffee-Einwegbecher täglich verwendet. Den hat jeder im Durchschnitt nur etwa zehn Minuten in der Hand. Da sind wir an Mehrwegsystemen für Getränkebecher aber auch für Take-away in der Gastronomie dran. Ausserdem sind Displays ein grosses Thema: Als Einweg Präsentationssysteme im österreichischen Handel, davon gibt es in Österreich jährlich 3 Millionen, verbrauchen sie sehr viel Karton und damit natürlich auch CO₂. Deshalb gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit verschiedenen Anbietern von Mehrweg-Displays befasst.
Um auf die 0,33-l-Mehrweg-Bierflasche zurückzukommen: Wie bewerten Sie heute diese Standardlösung?
Als vollen Erfolg – denn die Flasche ist nicht mehr wegzudenken und hat sich als Standardflasche durchgesetzt. Ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben, mit Vetropack, dem Handel und den Brauereien diese Standardlösung zu erarbeiten. Vetropack bietet mit der Leichtglastechnologie eine Innovation und die Brauereien haben darin schnell einen konkreten Nutzen für sich erkannt. Es gab am Anfang zahlreiche Herausforderungen bei der Flaschenerkennung in den Leergutautomaten. Sonst ist die Einführung nach meiner Kenntnis reibungslos verlaufen – vom Markt habe ich lauter positive Rückmeldungen bekommen. Das Ergebnis lässt sich über die Grenzen Österreichs hinaus präsentieren.
Wird es in absehbarer Zeit auch eine Mehrweg-Standardlösung für Wein geben?
Derzeit wird dieses Thema vom Österreichischen Ökologie-Institut bzw. dessen Tochtergesellschaft pulswerk bearbeitet. Im Vergleich zu Bier ist die Umsetzung eines Mehrwegsystems für Wein deutlich schwerer. Dafür müssten sehr viele Stakeholder zusammengebracht werden. Ausserdem ist Wein von der gesetzlichen Mehrwegquote ausgenommen, weshalb der Druck des Marktes noch nicht ausreichend gegeben ist. Dementsprechend ist hier eine Lösungsfindung noch nicht so weit.
Wie wird sich Mehrweg Ihrer Meinung nach entwickeln?
Tatsächlich ist es sehr schwierig, da Prognosen abzugeben. Während meiner Zeit bei Rewe haben wir eine Umfrage zu Biohühnerfleisch durchgeführt. Die Verbraucher bewerteten es zwar sehr positiv, entschieden sich am Point of Sale jedoch oft anders. Ähnlich stellt sich die Frage beim Mehrweg: Wie hoch ist die Akzeptanz der Kunden? Welche zusätzlichen Aufwände sind sie zu tragen bereit? Der Handel ist im stetigen Wandel, und Entwicklungen lassen sich nur schwer vorhersagen. Dennoch ist eine Zunahme von Mehrweg- Systemen wahrscheinlich – nicht nur aufgrund gesetzlicher Vorgaben, sondern auch, weil sie eine sinnvolle Lösung darstellen und gegenüber Recycling, bei dem eine Verpackung nur einmal verwendet wird, deutlich im Vorteil sind.
Vielen Dank für das Gespräch!
«Eine Zunahme von Mehrweg-Systemen ist wahrscheinlich – nicht nur aufgrund gesetzlicher Vorgaben, sondern auch, weil sie eine sinnvolle Lösung darstellen und gegenüber Recycling deutlich im Vorteil sind.»
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